Marsh vs Schnider: Propofol-PK-Modelle im Vergleich
Das Marsh- und das Schnider-Modell sind die beiden am haufigsten verwendeten pharmakokinetischen Modelle fur die Target-Controlled Infusion von Propofol. Beide beschreiben die Verteilung von Propofol im Korper mithilfe eines Drei-Kompartiment-Modells, unterscheiden sich aber erheblich in der Berechnung der Kompartimentvolumina und Clearance-Raten.
Diese Unterschiede zu verstehen ist wichtig, da dieselbe Zielkonzentration je nach gewahltem Modell unterschiedliche Infusionsraten und Bolusdosen ergibt.
Marsh-Modell (1991)
Das Marsh-Modell wurde aus Daten von Marsh und Kollegen entwickelt und bildet die Grundlage des Diprifusor, des ersten kommerziell erhaltlichen TCI-Systems fur Propofol.
Wesentliche Merkmale
- Gewichtsproportional - alle Kompartimentvolumina und Clearances skalieren linear mit dem Korpergewicht
- Nur Gewicht als Eingabe - Alter, Grosse und Geschlecht beeinflussen die Modellparameter nicht
- Feste Geschwindigkeitskonstanten - k10, k12, k13, k21, k31 sind fur jeden Patienten gleich
- V1 = 0,228 L/kg - relativ grosses zentrales Kompartiment
- ke0-Varianten - klassisch (0,26 min-1, Diprifusor) oder modifiziert (1,21 min-1, moderne Pumpen)
Da V1 proportional zum Gewicht ist, sagt das Marsh-Modell grossere initiale Bolusdosen fur schwerere Patienten vorher. Bei adiposen Patienten kann dies zu einer Uberdosierung fuhren, da das Modell annimmt, dass die Medikamentenverteilung mit dem Gesamtkorpergewicht skaliert.
Schnider-Modell (1998/1999)
Das Schnider-Modell wurde von Schnider und Kollegen anhand von Daten von 24 Probanden verschiedener Altersgruppen entwickelt. Es wurde konzipiert, um die bekannten Auswirkungen von Alter und Korperzusammensetzung auf die Pharmakokinetik von Propofol zu berucksichtigen.
Wesentliche Merkmale
- Multivariabel - verwendet Alter, Gewicht, Grosse und Geschlecht zur Parameterberechnung
- Festes V1 = 4,27 L - kleines, festes zentrales Kompartiment (nicht gewichtsabhangig)
- V2 ist altersabhangig - altere Patienten haben ein kleineres schnelles Verteilungsvolumen
- Clearance verwendet fettfreie Korpermasse (LBM) - berechnet aus Grosse, Gewicht und Geschlecht nach der James-Formel
- ke0 = 0,456 min-1 - fester Wert, auf das Modell kalibriert
Das feste, kleine V1 bedeutet, dass Schnider im Vergleich zu Marsh kleinere initiale Bolusdosen ergibt. Die Einleitung verlauft dadurch langsamer, aber potenziell sanfter und sicherer, besonders bei alteren oder fragilen Patienten.
Vergleich im Uberblick
| Parameter | Marsh | Schnider |
|---|---|---|
| Patienteneingaben | Nur Gewicht | Alter, Gewicht, Grosse, Geschlecht |
| V1 (zentral) | 0,228 L/kg (gewichtsskaliert) | 4,27 L (fest) |
| Einleitungsbolus | Grosser (proportional zum Gewicht) | Kleiner (festes V1) |
| Erhaltungsrate | Hoher fur schwerere Patienten | Angepasst an LBM und Alter |
| Adipositas | Uberdosierungsrisiko (verwendet Gesamtgewicht) | Besser (verwendet LBM) |
| Altere Patienten | Keine Altersanpassung | Reduzierte Volumina und Clearance mit dem Alter |
| ke0 (Effect-Site) | 0,26 (klassisch) oder 1,21 (modifiziert) | 0,456 (fest) |
Wann welches Modell wahlen
Marsh wahlen bei:
- Pumpen, die nur Marsh unterstutzen (z. B. altere Diprifusor-kompatible Systeme)
- Patienten im normalen BMI-Bereich (18,5-30)
- Wunsch nach schnellerer Einleitung durch den grosseren initialen Bolus
- Vertrautheit mit dem Modell und Verstandnis seines Verhaltens in der eigenen Patientenpopulation
Schnider wahlen bei:
- Alteren oder fragilen Patienten (altersangepasste Parameter reduzieren das Uberdosierungsrisiko)
- Adiposen Patienten (BMI > 30), da das Modell die fettfreie Korpermasse statt des Gesamtgewichts verwendet
- Wunsch nach einer konservativeren, sanfteren Einleitung
- Pumpen, die beide Modelle unterstutzen, und Praferenz fur patientenspezifische Parameteranpassung
Praktische Tipps
- Wechseln Sie niemals das Modell wahrend eines laufenden Falls. Der akkumulierte Zustand eines Modells ist nicht mit einem anderen kompatibel.
- Beachten Sie, dass Schnider bei gleichem Cp-Ziel weniger Medikament infundiert als Marsh bei einem schweren Patienten. Passen Sie Ihre Erwartungen entsprechend an.
- Geben Sie bei Schnider immer genaue Werte fur Grosse und Gewicht ein. Die LBM-Berechnung reagiert empfindlich auf diese Eingaben, und Extremwerte konnen unrealistische Parameter erzeugen.
- Bei Marsh-Anwendung bei Patienten mit BMI uber 35 sollten Sie ein angepasstes Korpergewicht anstelle des tatsachlichen Gewichts verwenden oder auf Schnider wechseln.
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Propofol-TCI-Simulator offnenLiteratur
- Marsh B, White M, Morton N, Kenny GN. Pharmacokinetic model driven infusion of propofol in children. Br J Anaesth. 1991;67(1):41-48.
- Schnider TW, Minto CF, Gambus PL, et al. The influence of method of administration and covariates on the pharmacokinetics of propofol in adult volunteers. Anesthesiology. 1998;88(5):1170-1182.
- Schnider TW, Minto CF, Shafer SL, et al. The influence of age on propofol pharmacodynamics. Anesthesiology. 1999;90(6):1502-1516.